Kapitel 01 · Reportage
Wo der Sand singt
Drei Wochen mit einer Karawane durch die Sahara – und die Erkenntnis, dass Stille ein Geräusch hat.
Es gibt Orte, an denen man erst nach Tagen versteht, was fehlt. Im Erg Chebbi ist es der Klang der Welt.
Der Ton kommt aus dem Boden. Ein tiefes Brummen, irgendwo zwischen Cello und Flugzeug, das anschwillt, wenn der Wind über die Kante der Düne streicht, und wieder verebbt, sobald er nachlässt. Die Beduinen nennen es den Gesang des Sandes. Physiker sagen: Es sind Milliarden Körner, die im Gleichtakt aneinander reiben. Beides stimmt.
Wir sind am dritten Tag im Erg Chebbi, einem Sandmeer im Osten Marokkos, das sich 22 Kilometer lang und fünf Kilometer breit an die algerische Grenze schmiegt. Sechs Dromedare, vier Menschen, achtzig Liter Wasser. Der Führer, Hassan, spricht wenig und schaut viel. Er liest den Sand wie andere Leute Zeitung: Hier ist ein Fennek vorbeigekommen, hier hat es vor drei Wochen geregnet, dort drüben wird die Düne bis Mittag wandern.

Morgenlicht über dem Erg Chebbi. Die Dünen wandern mit dem Wind bis zu zehn Meter im Jahr.

Die Wüste ist der einzige Ort, an dem ich nie das Gefühl hatte, dass mir Zeit fehlt.
Wüsten sind kein Mangel an Landschaft, sondern eine andere Art von ihr. Was fehlt, ist nicht das Leben, sondern das Rauschen. Ohne Bäume, ohne Wasser, ohne Verkehr bleibt eine Stille, in der man den eigenen Puls hört. Nach einer Woche hört man auch die Dromedare atmen, den Sand rieseln, die Zeltplane knistern, wenn die Temperatur nach Sonnenuntergang um dreißig Grad fällt.
Am neunten Tag der Sandsturm. Zwei Stunden, in denen die Welt auf drei Meter schrumpft. Hassan bindet die Tiere zusammen, wir legen uns hinter ihre Körper und warten. Danach ist alles anders: Die Dünen haben neue Kanten, unser Lager ist verschwunden, und der Himmel hat eine Farbe, die es nur nach Stürmen gibt – ein Gelb, das in Rosa kippt.
Was bleibt, nach drei Wochen? Der Geschmack von Sand in allem. Die Gewissheit, dass ein Liter Wasser ein Vermögen sein kann. Und der Ton – dieses tiefe Brummen, das man noch Wochen später zu hören glaubt, wenn nachts der Wind am Fenster steht.

Verlassene Pfähle markieren eine alte Brunnenstelle.

Deadvlei in der Namib: Bäume, die vor 900 Jahren starben.