Kapitel 06 · Interview
„Der Regen entscheidet alles“
Wildhüterin Amani Okello über Löwen, die Trockenzeit und die Frage, warum sie nie ohne Fernglas schläft.
Amani Okello, 41, leitet eine Ranger-Station im Westen der Serengeti. Wir treffen sie um fünf Uhr morgens – die einzige Stunde, in der sie Zeit hat.

Ein Löwenmännchen im Grenzgebiet der Serengeti. Amani Okello kennt die Reviere von elf Rudeln.
Frau Okello, Sie sind seit 14 Jahren Wildhüterin in der Serengeti. Was hat sich in dieser Zeit am meisten verändert?
Der Regen. Er kommt später, er kommt heftiger, und manchmal kommt er gar nicht. Alles andere hängt daran: Wann die Gnus ziehen, ob die Löwinnen ihre Jungen durchbringen, ob die Dörfer am Rand des Parks genug Wasser haben. Wenn Sie mich fragen, was die Savanne ist – sie ist ein Uhrwerk, und der Regen ist die Feder.
Sie sagen, Sie schlafen nie ohne Fernglas. Warum?
Weil die interessanten Dinge nachts passieren. Löwen jagen bei Dunkelheit, Hyänen auch. Und Wilderer. Ich habe mir angewöhnt, zweimal pro Nacht aufzustehen und den Horizont abzusuchen. Nach 14 Jahren wacht man von selbst auf, wenn die Zebras zu still werden.
Welche Begegnung vergessen Sie nie?
Eine Elefantenkuh, die ihr totes Kalb drei Tage lang bewacht hat. Am vierten Tag hat sie es mit Zweigen bedeckt und ist gegangen. Da habe ich verstanden, dass Trauer nichts ist, was nur wir kennen.
Was können Besucher tun, damit dieser Ort bleibt?
Kommen. Ehrlich. Der Park lebt von Menschen, die ihn sehen wollen – solange sie sich an die Regeln halten: kein Abweichen von den Wegen, kein Füttern, kein Lärm. Und zu Hause erzählen, dass es diesen Ort gibt. Was niemand kennt, schützt niemand.

Was niemand kennt, schützt niemand.



